PIERRE FAVRE with ARTE QUARTETT and MICHEL GODARD

Saxophones

Intakt CD 091


(dt + eng)

Eine Tür geht auf. Ein Raum erschliesst sich. Ein Klangraum, der sich in einen neuen hinein öffnet und weiter, beinahe labyrinthisch verzweigt. Doch wir verlieren uns nicht. Ein roter Faden ist ausgelegt, dem wir folgen können. Was wir hören, lässt uns tanzen und nachdenken. Tanz und Turbulenz der Gedanken. Erinnerungen und Vergegenwärtigungen. Mit Pierre Favre auf den Spuren des Klanges. Der Perkussionist als Poet, der Schlagzeuger als Klangmaler, der Komponist als Geschichtenerzähler und der Improvisator als Überlebenskünstler.

Was er für das Arte Quartett schreibt, gleicht einer Chorfantasie, einer Suite für Individualisten mit starkem Kollektivgeist. Vier Sänger mit jeweils völlig eigenem Timbre, ein Kammerchor mit hochentwickelter Klangsinnlichkeit. Der Perkussionist fädelt sich in die Stimmen ein, wird selbst zu einer solchen, schafft Raum, gibt das Schrittmass vor oder treibt voran. Behutsam und entschlossen. Mit einer Sensibilität, die auf innerer Kraft beruht.

So auch im Solo: Pierre Favre mit Klangstücken, die genialen Charakterstudien gleichen. Da begegnet uns die beinahe archaische anmutende Dimension des Trommelns ebenso wie der ätherische Klang ferner, unbekannter, uns nahekommender und wieder entschwindender Welten. Handfestes Handwerk, das an die Tambouren-Tradition denken lässt und klangforschender Umgang mit den Materialien, der im Medium des Akustischen bis zu elektronisch anmutenden Sounds vorstösst und die Werkstatt in ein Labor verwandelt.

Und dann ist da Michel Godard, der tiefe Gegenspieler, der Freigeist mit der metallischen Tuba und dem hölzernen Serpent, das sich prächtig mit den Saxophonstimmen mischt oder als kontrapunktischer Gesang entfaltet. Im Duo mit Pierre Favre wird der Tubist beinahe selbst zu einem improvisierenden Trommler. Der Schlagzeuger und Perkussionst wird zum Gestalter klangrhythmischer Komplexität. Aus diesem Gefühl für Orchestrales, für das Miteinander und Gegeneinander der Stimmen erwachsen Pierre Favres Kompositionen.

Er hat Mut zum Melos. Das ist einer der Gründe, warum seine Musik zu berühren vermag. Er komponiert nicht unter Ausschluss der Vergangenheit. Er integriert sie und auch darin weiss er sich Michel Godard wahlverwandt , reflektierend und sublimierend. Vieles ist eingeflossen: die Beschäftigung mit anderen Kulturen und die mit tieferen Schichten unserer eigenen Tradition. Nichts liegt offen zu Tage und doch vermag das Ganze im Dunklen zu funkeln. Licht in einem Raum zum Luft holen.

Das Atmen ist wichtig in dieser Musik, im metaphorischen ebenso wie im buchstäblichen, im physischen Sinne. Aufatmen und Bewegung. Mit Sinn für eine spannende Dramaturgie hat Pierre Favre einen Weg durch die Räume entworfen. Zugleich lässt er denen, die mit ihm spielen und uns, die wir ihm zuhören Freiheiten beim Gang durch das Klangambiente. Staunend stehen wir im tönend Unbekannten, fasziniert inmitten brodelnder Vielfalt, hin- und hergerissen zwischen dem Klang der Erde und dem des Lufzugs, hoch über unseren Köpfen. Bis wir uns den Musikern anschliessen, die sich zur Prozession formieren, um mit ihnen gemeinsam das Leben zu zelebrieren.

Bert Noglik, Leipzig 2004

 

 

A door opens. A space is opened. A sound space that opens into another and another, in almost labyrinthine branches. But we do not lose our way. There is a thread for us to follow. What we hear makes us dance and think. Turbulent dance of ideas. Memories and recollections. On the trail of sound with Pierre Favre. The percussionist as poet, the drummer as sound painter, the composer as storyteller, and the improviser as artist of survival.

What he writes for the Arte Quartett is like a choral fantasy, a suite for individualists with a strong collective spirit. Four singers, each with their own utterly unique timbre, a chamber choir with a highly developed sonic sensuality. The percussionist runs his threads between the voices, becomes one himself, creates space, provides the beat, or drives everything onward. Carefully and decisively. With a sensitivity based on inner strength.

In a solo piece, too, Favre fragments sound into ingenious character studies. A seemingly archaic dimension of drumming is here, as well as the ethereal sound of distant, unknown worlds approaching us, then disappearing. Solid craftsmanship recalls the tambour tradition; an exemplary approach to materials, moving through the acoustic medium to sounds that seem electronic, transforming the workshop into a laboratory.

And then there is Michel Godard, the deep peer, the free spirit with the metallic tuba and the wooden serpent that magnificently mixes with the saxophone voices or unfolds as counterpoint singing. In the duet with Favre, the tuba player almost becomes an improvising drummer. The drummer and percussionist becomes the shaper of sonic and rhythmic complexity. Favre's compositions emerge from this feeling for the orchestral, for the cooperation and conflict of voices.

He has the courage to play melody. That is one reason why his music is so moving. His compositions do not exclude the past. He integrates it (and in this he also has affinities with Michel Godard) in a reflective, sublimating way. Many things flow into this: his attention to other cultures and to deeper layers of our own tradition. Nothing lies on the surface; the whole sets off sparks in the dark. Making light breathe in a space.

For breathing is important in this music, metaphorically as well as literally, physically. Breath and movement. With his sense for exciting drama, Favre has drawn a path through these spaces. At the same time, he gives those who play with him and those of us who listen to him the freedom to find our way through these acoustic environments.

Astonished, we stand in singing unknowns, fascinated amid the bubbling variety, torn between the sound of the earth and the sounds of the air currents high over our heads. Until we follow the musicians, who form a procession, to celebrate life together.

Bert Noglik, Leipzig 2004
Translation: Andrew Shields

 

Zu Intakt Website: www.intaktrec.ch