Globe Unity Orchestra 2002

 

Die Utopie einer befreiten Musik oder All Jazz is Free

 

Von Hans-Jürgen von Osterhausen

 

37 Jahre ist es her, dass im Verlauf des europäischen Free-Jazz Aufbruchs in der Mitte der 60er Jahre das erste grosse freie Ensemble unter Leitung von Alexander von Schlippenbach und unterstützt von Joachim Ernst Berendt auf dem Podium der Berliner Jazztage für Furore sorgte. Seitdem entwickelte es sich zu einer Art Perpetuum der Musik der freien Improvisation, trotz aller anfänglichen und fortgesetzten Kritik wie Zustimmung, konzeptionellen Schüben und personellen Veränderungen. All das wurde auch reichlich dokumentiert, auf schwarzen Vinyl-Scheiben wie auf CDs, von der ersten SABA-Aufnahme «Globe Unity» bis zum neuesten Produkt, «Globe Unity Orchestra 2002», soeben bei Intakt erschienen. In erster Linie waren es Aufnahmen bei FMP und in den 70er Jahren auch bei ECM. John Corbetts amerikanisches Label «Unheard Music» veröffentlichte inzwischen auch zwei frühe historische Einspielungen, die Konzerte 1967 in Donaueschingen und 1970 in Berlin.

Alex von Schlippenbach verweist in seinem Begleittext zu Recht darauf, dass es nicht an der Zeit ist, die Geschichte von GLOBE UNITY Revue passieren zu lassen, ist dies doch viele Male und meist auch qualifiziert geschehen, nicht zuletzt auch von ihm im Begleitheft zu «Globe Unity Orchestra 20th Anniversary», im Jahr 1986 wiederum in Berlin bei den inzwischen «Jazzfest» heissenden «Jazztagen» oder sehr ausführlich in Ekkehard Josts Standardwerk Europas Jazz 1960-80, Frankfurt 1987, S. 77 ff.

Nach dieser von Schlippenbachschen Darstellung vollzog sich die Geschichte von GLOBE UNITY im wesentlichen in drei Phasen, der ersten von 1966 bis 1970 ganz unter dem Einfluss der neuen Spielkriterien des Free Jazz (von Schlippenbach: «schimpfierte Terminus»), der zweiten, auch Wuppertaler Phase genannt nach der wesentlichen Beteiligung von Peter Kowald, und schliesslich der bis heute andauernden dritten Phase, die von sich immer wieder verändernden Improvisationen geprägt wird und unter anderem das Ensemble auf vielen Reisen rund um die Welt sah. GLOBE UNITY war nicht nur das erste Grossensemble der europäischen freien Improvisation, sondern sah auch nahezu alle wesntlichen Exponenten dieser Musik, vornehmlich – wenn auch nicht ausschliesslich – aus Europa in seinen Reihen.

Äusserer Anlass für den Auftritt im Januar 2002 in der Aachener Klangbrücke auf Einladung Komponisten und Musikers Heribert Leuchter war das Gedenken an den kurz zuvor verstorbenen Robert Henseler, einen der groþen Mentoren dieser Musik seit Jahrzehnten.

Besser als von Schlippenbach im Begleitheft dieser von Intakt Chef Patrik Landolt verantworteten Aufnahme die Musik beschreibt, geht es wohl nicht: «Die improvisatorische Verarbeitung dieser Impulse (des Free Jazz) im grossen Ensemble ist ein komplizierter, von zahlreichen Faktoren abhängiger Vorgang, der sich empirischer Forschung weitgehend verschliesst, und es gibt nach wie vor kein Rezept für den Erfolg eines improvisierten Stückes. Reduziert auf ein solches Minimum an Konzept, das sich in unserem Fall von selbst ergeben hat und die Form bestimmt, kann es dann zu einer Entfesselung des improvisatorischen Potentials kommen, bei der auch das Unerwartete eintritt und aufzeigt, was Bernd Alois Zimmermann die «Utopie einer befreiten Musik» genannt hat».

Beteiligt an dieser utopischen Performance waren neben von Schlippenbach Manfred Schoof, Peter Brötzmann, Evan Parker, Ernst-Ludwig Petrowsky, Paul Rutherford, Hannes Bauer, Paul Lovens und Paul Lytton.

37 Jahre GLOBE UNITY: Nach dieser langen Zeit ist aller Anlass gegeben, Alexander von Schlippenbach einige Frage dazu zu stellen, was heute im 21. Jahrhundert eigentlich GLOBE UNITY bedeutet.

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Hans-Jürgen von Osterhausen: Wie unterscheidet sich GLOBE UNITY von heute von dem der Anfangszeit, was ist es heute?

Alexander von Schlippenbach: Ein Unterschied besteht gewiss darin, dass wir inzwischen mehr als dreissig Jahre älter sind – einige von uns haben sogar schon den Planeten verlassen, und somit hat sich auch an der Besetzung einiges geändert. Davon abgesehen war GLOBE UNITY von Anfang an ein Free-Jazz Orchester und ist es auch heute noch. In seiner Geschichte hat es verschiedene Phasen durchlaufen, in denen unterschiedliche musikalische Konzepte richtungsweisend waren. Bis 1970 waren es nur meine Stücke. Dann kam die sogenannte Wuppertaler Zeit, in der von Jelly Roll Morton bis Hanns Eisler alles Mögliche gespielt wurde. Nach der groþen Asientour haben wir dann eigentlich nur noch frei improvisiert. Heute könnte man GLOBE UNITY ein Improvisationsensemble von Jazzmusikern nennen oder – deutlicher – nach dem von Evan Parker formulierten Kernsatz «All Jazz is Free» ein Free-Jazz Orchester.

Wie ist heute das Verhältnis zwischen Komposition und Improvisation?

Das Verhältnis von Komposition und Improvisation ist bei uns recht entspannt, weil wir in der Tat keine Kompositionen brauchen, um ein Konzert zu geben. Nun hesst das nicht, dass wir etwas gegen Kompositionen hätten. Wir haben zahllose Stücke von Jazzmusikern unterschiedlichster Art aufgeführt, mit Bernd Alois Zimmermann zusammengearbeitet, und Penderecki wollte für uns komponieren, nachdem er uns bei den Donaueschinger Tagen für Neue Musik 1967 gehört hatte. Heute stellt sich diese Frage kaum noch, weil wir eigentlich nur rein improvisierte Stücke aufführen.

Gibt es so etwas wie Kollektive Komposition?

Kollektive Komposition ist durchaus vorstellbar, wird meines Wissens jedoch kaum praktiziert. Wenn man Improvisation als der Komposition verwandt ansieht, so machen wir vielleicht etwas Ähnliches.

Früher wurde der Begriff «Verzicht auf Determination» geprägt. Spielt dieser eine Rolle?

Verzicht auf Determination könnte uns fälschlicherweise als Beliebigkeit angekreidet werden. Wir gehören aber zu den Ersten, die Anfang der 60er Jahre mit dem Free-Jazz angefangen haben. Seitdem hat sich eine Menge getan, und wir haben gelernt, von unseren damaligen Errungenschaften Gebrauch zu machen. Es hat eine beachtliche Entwicklung stattgefunden, und von bestimmten Zentren ausgehend haben sich Kreise von Musikern gebildet, die stilistisch durchaus unterschiedlich, effektiv arbeiten und überzeugende Resultate erzielt haben. Das heiþt, unsere Geschichte – und speziell die der Kollegen meiner Generation – ist unsere Determination.

Welche Bedeutung haben Rhythmus und Klang?

Rhythmus und Klang sind für jede Musik von höchster Bedeutung. Wenn wir gut spielen, stimmt der Rhythmus, und dann klingen wir auch gut.

Hat die von Bernd Alois Zimmermann geprägte philosophische Idee «Kugelgestalt der Zeit» heute noch Einfluss auf GLOBE UNITY?

Bei uns ist dies eine respektvolle Adaption dieses Bildes, einer Vision Zimmermanns von der «Kugelgestalt der Zeit» als einer Welt universaler – hier musikalischer – Beziehungen, die er als von ihm selbst so genanntes Pluralistisches Kompositionsverfahren in seinen späteren Werken zur Anwendung gebracht und dabei auch gelegentlich mit uns zusammengearbeitet hat. Für GLOBE UNITY ist dies eher von praktischer als philosophischer Bedeutung, zum Beispiel unsere halbkreisförminge Aufstellung oder unsere zumeist internationale Besetzung.

Welche Auswirkung hat die zwangsläufige – teilweise – Veränderung der beteiligten Musiker, auch musikalische Entwicklung bei den verbliebenen Musikern?

Wenn ein bedeutender und somit einflussreicher Musiker eine Bewegung in eine andere oder neue Richtung macht, so hat das immer eine Auswirkung auf die ganze Szene. Auch innerhalb der Band kann es dann neue stilistische Orientierungen geben, wie auch das Heraufbeschwören von Gegenkräften. Es ist zum gröþten Teil das, was die Musik und ihre Geschichte in Bewegung hält.

GLOBE UNITY hatte Ende der 60er Jahre eine deutliche politische Komponente, deren Grundlage sicherlich heute entfallen ist. Ist etwas Vergleichbares an die Stelle getreten?

Die politische Komponente von GLOBE UNITY war auch damals viel weniger deutlich, als oft angenommen wird. Zunächst entstand die Band aus rein musikalischen Beweggründen, ohne jede politische Zielsetzung. Zwar haben wir 1967 in Donaueschingen angeheitert und zu später Stunde eine amerikanische Fahne eingeholt, die wohl heute noch in einer Wuppertaler Diele als Vorhang dient, und eine Zeit lang war auch rauher Prolo Look bei den Konzertauftritten angesagt. Aber das war doch alles mehr oberflächlicher Unfug von wenig Bedeutung für unsere Musik, wie auch die zeitweise Darbietung von Eisler Songs bald wieder aufgegeben wurde. Insoweit ist auch gottseidank nichts Vergleichbares an die Stelle getreten. Was erreicht wurde und Bestand hat, ist die Fähigkeit des Orchesters, gute Konzerte mit improvisierter Musik zu geben.

Warum ist GLOBE UNITY heute noch notwendig oder ist es nur noch Erinnerung an Erlebtes?

Wer es erlebt hat, wird sich wohl daran erinnern. Davon abgesehen ist unsere Musik hinreichend auf Tonträgern dokumentiert und kann jederzeit und überall gehört werden. Auf den ersten Teil der Frage, ob GLOBE UNITY heute noch notwendig sei, könnte ich antworten, dass es wieder notwendig zu sein scheint, als «Antidepressivum», wie neulich jemand so schön gesagt hat, und als erfrischender Kontrapunkt zum –berangebot an plattgewalztem Mainsteam und aufgeblasener Elektronik.

In welchem Verhältnis siehst Du GLOBE UNITY zu anderen vergleichbaren grösseren Ensembles wie dem ICP-Orchestra oder dem London Composers Orchestra?

Was uns verbindet, ist das Bemühen, die Musik unserer Zeit im Bereich des Jazz und der Improvisation im gröþeren Ensemble aufzuführen. Ansonsten sind die Bands recht unterschiedlich. GLOBE UNITY war immer international besetzt, und wir waren wohl auch die ersten, die als «Big Band» mit dem Neuen Jazz weltweit von sich reden gemacht haben. Abgesehen davon wird im Unterschied zu den beiden anderen Bands bei unseren Konzerten heute ausschlieþlich improvisiert.

Hat sich das Verhalten des Publikums verändert? Versteht man heute noch GLOBE UNITY? Oder ist es nur «Schwelgen in Erinnerung»?

Wenn es jemanden gibt, der in Erinnerung schwelgt, so soll uns das auch recht sein. Das Verhalten des Publikums ist immer das Gleiche; da ändert sich nichts. Letztlich wird es immer verstanden, wenn wir gut spielen. Insofern reagiert das Publikum auch immer richtig. Es kann freilich durch Werbung, Trendgerede und Ähnliches leicht dumm gemacht werden. Aber das vergeht dann auch wieder.

Was für Pläne hast Du für GLOBE UNITY?

Konzerte am 8. November in Wuppertal und am 29. November beim Festival in Zürich. Bei Intakt ist soeben unsere neue CD GLOBE UNITY 2000 erschienen. Vielleicht werden wir im nächsten Jahr oder etwas später einen weiteren Tonträger produzieren.

Welche Rolle spielen im Gesamtzusammenhang die Wiederveröffentlichungen der alten «Pionieraufnahmen» durch John Corbett?

Die Wiederveröffentlichung unserer Aufnahmen aus den 60er Jahren war bestimmt eine gute Idee von John Corbett, weil es Dokumente aus einer Zeit sind, in der eine neue Ära anbrach und vieles davon sich noch heute in Rundfunkarchiven oder sonstwo befindet. In Amerika besteht seit einiger Zeit ein erstaunliches Interesse an diesen Dingen, bei einem jüngeren etwas alternativ europäisch orientierten Publikum. Somit öffnet sich ein, wenn auch immer noch begrenzter, aber doch beachtlicher amerikanischer Markt unserer Musik, was sich möglicherweise auch auf die Rezeption unserer aktuellen Produktionen in den USA positiv auswirken könnte.

CD-Tipp: Globe Unity Orchestra, Globe Unity 2002, Intakt CD 086/2003

Erstveröffentichung: Jazzpodium, Stuttgart, Januar 2004

 

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