ROOT DOWN

Von Christian Rentsch (dt + engl)
Liner notes für die CD: Tommy Meier Root Down. Intakt CD 135


Liegt Afrika in Zürich? Immerhin: Dollar Brand, der heute Abdullah Ibrahim heisst und mit seinen 72 Jahren immer noch der weitaus bekannteste Jazzmusiker Südafrikas ist, wurde Mitte der 60er Jahre von seinem späteren Förderer Duke Ellington nicht in Südafrika entdeckt, sondern in Zürich. Und das in einem Jazzclub, der nicht bloss mit dunklem Holz, Bambus und afrikanischen Masken dekoriert war, sondern erst noch «Africana» hiess. Dort spielten damals ausser Dollar Brand während Monaten auch die Blue Notes, ein Quintett südafrikanischer Musiker um den (weissen) Pianisten Chris McGregor, die 1964 vor dem Apartheids-Regime nach Europa geflüchtet waren. Dollar Brand hatte seinen Freunden, die einen Sommer lang als Strassenmusiker an der Côte d’Azur herumgetingelt waren, für die Wintermonate ein regelmässiges Engagement im «Africana» besorgt. Von der Kwela-Musik von Dollar Brand und McGregors Blue Notes liess sich aber auch die junge Pianistin Irène Schweizer infizieren, die damals ebenfalls regelmässig im «Africana» auftrat. Auch wenn sie später vorwiegend im Freejazz und der frei improvisierten Musik auf Entdeckung ging und im Lauf der Jahrzehnte einen völlig eigenen Individualstil entwickelte, blieb die hypnotisierende Kwela-Musik immer auch eine ihrer Inspirationsquellen. (Nicht zufällig, dass Irène Schweizer während ihrer langen Karriere immer wieder mit einigen ihrer damaligen südafrikanischen Freunden zusammenspielte, und ihre neueste Duo-CD mit dem Saxophonisten Omri Ziegele beziehungsreich «Where’s Africa» heisst – interessanterweise ohne Fragezeichen.)


Über zwanzig Jahre danach fanden einige junge Zürcher Musikerinnen und Musiker, das Orchester des alternativen Zirkus-Theaters Federlos, ihr eigenes Afrika. Auf einer langen Tournee durch Nigeria (1988/89), später auf einer Township-Tour in Namibia und Zimbabwe (1991) und schliesslich in einem Gemeinschaftsprojekt zusammen mit afrikanischen Musikern und Tänzerinnen und Konzerten unter anderem in Nigeria, Benin und Ghana eigneten sich die jungen Zürcher profunde Kenntnisse nicht nur der traditionellen westafrikanischen Volksmusik an, sondern vor allem auch der zeitgenössischen urbanen Musikformen, den mitreissenden Mixturen aus afrikanischer Rhythmik, Jazz, Rock, Soul und Reggae. Zu den Federlos-Musikern gehörten vor allem die junge Saxophonistin Co Streiff und der Saxophonist und Bassklarinettist Tommy Meier. Wo immer sie beide später gemeinsam oder auch getrennt ihre Musik weiter entwickelten – in den 90er Jahren zusammen in Kadash oder seit einigen Jahren im Co Streiff Sextet – waren diese prägenden afrikanischen «Roots» Teil ihrer musikalischen Fundgrube. Und auch nicht ganz zufällig natürlich, dass Co Streiff und Irène Schweizer in der zuweilen recht segregierten Zürcher Jazzszene musikalisch und freundschaftlich zusammen fanden – die grosse wichtigste Repräsentantin der frei improvisierenden Schweizer Szene und die talentierte Jungmusikerin, die ihre Tochter sein könnte.
Seither sind wiederum fast zehn Jahre vergangenen. Und wieder geht eine Zürcher Gruppe, Tommy Meiers 15köpfiges Grossorchester Root Down ihren Weg zurück nach Afrika – und landet zielsicher mitten in der Zürcher Jazzszene. Mit dabei: Seine Lebensgefährtin Co Streiff natürlich und – Irène Schweizer. Leise hebt es an. «Dawn», Morgengrauen. Aber nichts ist klar. Was durchaus das Geraschel von Tieren, das Rauschen des Windes durch die Laubbäume des Regenwaldes, das Sirren von Steppengras sein könnte, offenbart sich schnell als der Lärm einer erwachenden Grossstadt. Finstere Klänge, die an den anschwellende Pegel einer Verkehrslawine erinnern. Eine hektisch treibende Basslinie. Das Pochen wie von anlaufenden Maschinen, dazwischen verwehte Fetzen von Musik. Urbaner Freejazz, Höllenlärm statt unberührte Natur. Einige Takte in schwebender Ungewissheit. Dann setzt, noch zögernd zuerst, dann mit kraftvoller Rhythmik und Bläsern «Lady» ein, einer dieser betörenden schwermütigen Hits des prägenden nigerianischen «Afro Beat»-Stars Fela Ransome Kuti, in den sich aber unversehens auch neue Töne einschleichen, Syntheziserklänge und die Scratch- und Quitschgeräusche eines Turntables.


Eine freie Geräuschimprovisation ganz aus der Jetztzeit führt, als lägen nicht über dreissig Jahre dazwischen, mit Dudu Pukwanas «MRA» ins Songbook der legendären Brotherhood of Breath von Chris McGregor, also gleichsam zurück ins «Africana»-Afrika der späten 60er Jahre. Ein Stück, dessen einfaches rotierendes Melodieriff in eine jener Kollektivimprovisationen mündet, die schon damals die musikalischen Grenzen zwischen den südafrikanischen Heimwehmusikern Dudu Pukwana, Mongezi Feza und Harry Beckett und den britischen Freejazzern Alan Skidmore, Mike Osborne und John Surman verdampfen liessen.


«Kirui» ist sozusagen eine Zwischenbilanz: Die «Enkel», der Komponist Tommy Meier, Co Streiff, Jürg Wickihalder sichten gemeinsam mit Irène Schweizer unbefangen die Erbschaft von damals im Licht ihrer eigenen europäischen Jazzerfahrungen. Und «The Root» nimmt Motive und Klänge auf, welche die Federlos-Musiker auf ihren Reisen in Westafrika kennengelernt hatten: die einfachen Melodien und ausgesparten Rhythmen der kleinen Strassenbands, die heute in den Strassen und auf den Plätzen der Metropolen wie Kinshasa um ein paar Dollars betteln.


«Makaya and the Rain» kann man «lesen» als eine Symbiose, welche unterschiedlichste Elemente frei zu einem eigenständigen Neuen kombiniert, einen mitreissenden Drum-Groove, den sich Meier beim Makaya Ntshoko entlehnt, Anleihen bei traditionellen afrikanischen Chorgesängen, in denen der Chor auf kurze antreibende Rufe des Vorsängers antwortet, freie Improvisationen und freejazzige Kollektivimprovisation, aber auch Einflüsse der amerikanisch-europäischen Bigbandtradition. Das folgende musikalische Tryptichon «The Drought/Colo-Vamp/Zombie» wählt ein anderes Verfahren: Gegenüberstellung statt Symbiose, den Bruch, die Konfrontation. Europa – Afrika. Europäische Neue Musik – Tommy Meier selbst verweist auf Yannis Xenakis, einen seiner Lieblingskomponisten –, eine kurze «europäisch» verfremdete Anspielung auf Fela Kutis «Colonial Mentality» und bruchlos der Einstieg in «Zombie», Kutis militantesten Protestsong gegen die brutale und korrupte Gewaltherrschaft der Militärs um Olusegun Obasanjo, Muhammadu Buhari und Ibrahim Babangida. (Man geht wohl kaum fehl in der Annahme, dass diese Stücke-Kombination auch einen listigen politischen «Subtext» enthält.)


Die CD endet weder in Afrika noch im «Africana», sondern dort, wo Tommy Meier und seine 14 Mitmusikerinnen und -musiker vor drei Jahren mit ihrem Root Down-Projekt begonnen haben, gleichsam in den Übungsräumen der Zürcher Werkstatt für improvisierte Musik (WIM). Dort wo sich seit bald dreissig Jahren Musikerinnen und Musiker unterschiedlichster musikalischer Herkunft und unterschiedlichsten Alters treffen, ihre Erfahrungen austauschen, voneinander lernen und gemeinsam, ohne kommerziellen Erfolgszwang vor einem kleinen Publikum spielen und experimentieren. Eine neue zeitgenössische Musik entwickeln. «Gebrselassie», dem grossen äthiopischen Langstreckenläufer gewidmet, zitiert vielleicht nicht zufällig ein Thema von Sun Ra, dem Visionär einer intergalaktischen Musik, die alle Grenzen von Raum und Zeit sprengen soll. Das Stück endet dort, wo die Musik fast siebzig Minuten zuvor begonnen hat: In der Stille, der Dämmerung.


Man kann die Musik von Root Down wie jede andere Musik mit diesen oder anderen Ohren hören. Hört man sie als Soundtrack zu einem (inneren) Film, kommt einem allerdings eher Walter Ruttmans Stummfilm «Berlin – die Symphonie der Grosstadt oder Tsiga Vertovs «Der Mann mit der Kamera» in den Sinn als Sidney Pollacks sentimentaler Spielfilm «Out of Africa». Die beiden Experimentalfilme aus den 20er Jahren erzählen keine rührselige Geschichte, sondern beobachten präzis und mit kühler Distanz die Realität, den Alltag der Menschen, vorwiegend der kleinen Leute bei ihren alltäglichen Verrichtungen, bei der Arbeit in Fabrik und Haushalt, in der Freizeit. Vom Morgengrauen bis Mitternacht, wie es im Untertitel von Ruttmanns Film heisst. Aus diesen vielfältigen Beobachtungen montieren sie auf höchst kunstvolle Weise ein im Resultat alles andere als kühles, sondern hoch emotionales, wenn auch völlig unsentimentales Porträt ihrer Welt und ihrer Zeit.
Nichts anderes tut die Musik von Tommy Meiers Root Down. Sie verklärt nicht nostalgisch das Bild, das Reisebüros, Andre Heller und andere Musicalproduzenten immer noch als das wahre ursprüngliche Afrika suggerieren. Sie montiert Eindrücke und Erfahrungen, sie zitiert afrikanische Musik, genauer: die schwermütige Musik südafrikanischer Heimwehmusiker im Exil und die aufbegehrende Protestmusik eines selbstbewussten Rebellen, der seinen politischen Verstand in den späten 60er Jahren bei den amerikanischen Black Panthers und in den 70er und 80er Jahren in den Kerkern der nigerianischen Generäle geschärft hat. Und Root Down verbindet diese zeitdokumentarischen Erfahrungen mit den verschiedensten individuellen Lebens- und Musikerfahrungen der fünfzehn Musikerinnen und Musiker, die sich zu diesem ungewöhnlichen Orchester zusammengefunden haben.
Wo also liegt Afrika?

 

 

ROOT DOWN

by Christian Rentsch

Is Africa in Zurich? After all, in the mid-sixties, Dollar Brand (now Abdullah Ibrahim and, at 72, still far and away one of South Africa’s best known jazz musicians) was discovered by his future patron Duke Ellington not in South Africa but in Zurich – and in a jazz club not just decorated with dark wood, bamboo, and African masks, but even called «Africana.» At the time, Brand was not the only South African playing there; the Blue Notes were there, too, for months, a quintet of South African musicians led by the (white) pianist Chris McGregor, who had fled the apartheid regime for Europe in 1964. Brand had organized a steady gig at Africana for his friends, who had just spent a summer bopping around the Côte d’Azur as street musicians. Brand’s Kwela music and McGregor’s Blue Notes also inspired the young pianist Irène Schweizer, another musician then regularly performing at Africana. Even if she went on to primarily explore free jazz and free improvisation, developing a completely personal style over the decades, the hypnotic quality of Kwela music continued to inspire her. (It is no accident that, during her long career, Schweizer has continued to play with several of her South African friends from back then; her latest duo recording with saxophonist Omri Ziegele is even called «Where’s Africa» – interestingly, without a question mark.)

Over twenty years later, a few young musicians from Zurich, the orchestra of the alternative circus-theater Federlos, found their own Africa. On a long tour through Nigeria (1988-89), on a township tour in Namibia and Zimbabwe (1991), and finally in a joint project with African musicians and dancers, with concerts in Nigeria, Benin, and Ghana, among other places, the young Zurichers gained a thorough knowledge not only of traditional West African folk music but also, and above all, of Africa’s contemporary urban musical forms, intoxicating mixtures of local rhythms, jazz, rock, soul, and reggae. Two of the Federlos musicians were the young saxophonist Co Streiff and the saxophonist and bass clarinetist Tommy Meier. Wherever the two have developed their music further since then, whether together or separately (in the nineties in Kadash, or for a few years now in the Co Streiff Sextet), these crucial African «roots» have been part of their musical foundation. And it is also not entirely an accident, of course, that Schweizer and Streiff found each other, both musically and as friends, in the now otherwise quite segregated Zurich jazz scene – the most important representative of free improvisation in Switzerland and the talented young musician who could be her daughter.

Since then, more than ten years have passed. And once again a Zurich group, Meier’s 15-piece Root Down, has found its way back to Africa – to land, right on target, in the middle of the Zurich jazz scene. And two of its members are, of course, Schweizer and Meier’s partner Streiff. It starts quietly. «Dawn.» But nothing is clear. What could easily be the rustling of animals, the sound of the wind in the leafy trees of the rain forest, the swishing of steppe grass, quickly turns out to be the din of a metropolis waking up. Dark sounds recall the steadily increasing roar of traffic. A hectic bass line begins to pulse. A thumping like that of machines starts up, with scattered tatters of music in the middle of it. This is urban free jazz, pandemonium instead of untouched nature. After a few bars in hovering uncertainty, «Lady» begins, first hesitantly, and then with powerful rhythms and horns – one of those beguiling, soulful hits by Nigeria’s innovative Afro Beat star Fela Ransome Kuti, but here with unexpected new sounds creeping in, too: synthesizers; the scratch and squeak of a turntable.

A passage of free sound improvisation, entirely contemporary, leads, as if there weren’t over thirty years between them, to Dudu Pukwana’s «MRA,» a page from the songbook of McGregor’s legendary Brotherhood of Breath – putting us right back into the Africana Africa of the late sixties. This piece’s simple, rotating melody riff opens into one of those collective improvisations that once dissolved the musical boundaries between homesick South African musicians like Pukwana, Mongezi Feza, and Harry Beckett and such British free jazzers as Alan Skidmore, Mike Osborne, and John Surman.

«Kirui» is an interim, as it were: along with Schweizer, the younger musicians (composer Meier, Streiff, and Jürg Wickihalder) unselfconsciously explore the heritage of that earlier era in the light of their own European jazz experiences. And «The Root» picks up on themes and sounds the Federlos musicians came across on their travels in West Africa: the simple melodies and loose rhythms of the small street bands that beg for a few dollars on the streets and in the squares of such metropolises as Kinshasa.

«Makaya and the Rain» can be «read» as a symbiosis that freely combines highly diverse elements into something new and independent: a driving drum groove Meier borrowed from Makaya Ntshoko, features of traditional African choir singing (in which the chorus responds to the brief, propulsive calls of the lead singer), free improvisation, and free-jazz collective improvisation, along with influences from the American and European big band tradition.

The musical triptych that follows, «The Drought/Colo-Vamp/Zombie,» uses a different procedure: not symbiosis but conflict, fractures, and confrontation. Europe – Africa. European New Music (Meier himself mentions Yannis Xenakis, one of his favorite composers) and a brief allusion (though with a «European» twist) to Fela Kuti’s «Colonial Mentality» lead, without a break, into the beginning of «Zombie,» Kuti’s most militant protest song against the brutal and corrupt military tyranny of Olusegun Obasanjo, Muhammadu Buhari and Ibrahim Babangida. (It would be surely not be wrong to assume that the combination of these pieces has a cunning political subtext.)

The CD ends neither in Africa nor in Africana, but back where Meier and his 14 fellow musicians began their Root Down project three years ago – back in the practice rooms of the Zurich Workshop for Improvised Music (WIM), so to speak. There, for almost thirty years now, musicians of every age, with the widest range of musical backgrounds, have met to share their experiences, learn from each other, and play and experiment together for a small audience, with no commercial pressure at all. A new, contemporary music is developing here. «Gebrselassie», dedicated to the great Ethiopian long-distance runner, cites (surely not accidentally) a theme from Sun Ra, the visionary of an intergalactic music intended to overcome all possible temporal and spatial limits. The piece ends where the music began almost seventy minutes earlier: in stillness, in twilight.
As with any other music, the music of Root Down can be heard with these ears or others. If it is heard as the soundtrack to an (internal) film, it is more likely to recall Walter Ruttman’s silent film «Berlin: Symphony of a Great City» or Dziga Vertov’s «Man with a Movie Camera» than Sidney Pollack’s sentimental «Out of Africa.» Neither of those experimental films from the twenties tells a touching story; instead, with precision and detachment, they observe reality, the everyday life of people, primarily the little people in their everyday activities, at work in factories and homes, at play. From these multiple observations, these films, in a highly creative way, form a portrait of their world and their age that is finally not at all detached, but highly emotional – while still entirely unsentimental.

That is precisely what the music of Meier’s Root Down does. This music does not nostalgically glorify the image travel agencies, Andre Heller, and other musical impresarios still present as the true, original Africa. Here, impressions and experiences are brought together, African music is cited – more precisely, the melancholy music of homesick South African musicians in exile and the revolutionary protest music of a self-conscious rebel who sharpened his political sense in the late sixties with the American Black Panthers and in the seventies and eighties in the prisons of the Nigerian generals. And Root Down combines these experiences (documents of their age) with the unbelievably wide range of individual experiences (musical and otherwise) of the fifteen musicians who have come together to create this unusual orchestra.
So where is Africa?

Translation: Andrew Shields

 

Intakt CD 135. Tommy Meier Root Down.

 

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