GÜNTER SOMMER

BETWEEN HEAVEN AND EARTH
FÜR PETER KOWALD

LINER NOTES INTAKT CD 079 /2003

(deutsch – and english)

Wie oft machen wir in unserem Leben die Erfahrung: «Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit!» Ende September 2002, auf dem Weg zur Beerdigung von Peter Kowald auf der Zugfahrt von Dresden über Berlin nach Wuppertal ­ einige Elbbrücken waren durch die Flut zerstört ­ hatte ich plötzlich Zeit! Und ich bin froh, dass ich diese Zeit nicht mit der Hand am Lenkrad verbracht habe. Es war eine geschenkte Zeit, in der ich mit unserem Freund Peter Kowald gedanklich sehr eng zusammen war.

«Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister», schrieb Arthur Schopenhauer. Nun wissen wir alle, dass Peter Kowald alles andere als allein war. Er hat seine Vision vom «Global Village» so gelebt, wie kein anderer von uns. Wir Musiker wissen es: Ob im australischen Busch, in Skandinavien, Japan, in den entlegensten Bergdörfern in den Abruzzen, im Inneren des Peloponnes oder auf dem amerikanischen Kontinent ­ überall fanden wir jemanden, der Peter Kowald kannte, oder sich gar seinen Freund nennen durfte. Ich selbst gehörte in seinem weltweiten Netzwerk zu einer Art Aussenstelle in der ehemaligen DDR. Schon 1973 besuchte er mich mit seinen Kindern Maruta und Sytske und seiner damaligen Frau Dani in meinem Wohnort Meissen. Dem Besuch voraus gingen die nächtlichen Begegnungen in Ostberlin anlässlich des «Total Music Meeting» oder des «Workshop Freie Musik», die von der FMP in Westberlin veranstaltet wurden. Eine Handvoll Musiker, zu denen auch ich gehörte, spielte im Ostberliner Nachtclub «Grosse Melodie» in der Nähe der Friedrichstrasse. Jost Gebers von der FMP kam mit Musikern wie Alexander von Schlippenbach, Peter Kowald, Paul Lovens, Irène Schweizer, Peter Brötzmann, Paul Rutherford, Evan Parker und vielen anderen nach Ostberlin, um mit uns zu jammen. Ein völlig neues und von amerikanischen Vorbildern befreites Klangverständnis brachten diese Musiker mit. Aus diesen Begegnungen, die für lange Zeit eine Einbahnstrasse waren, entwickelten sich persönliche Freundschaften ­ so auch die meine zu Peter Kowald.

Seine Intensionen waren immer denen eines Forschers vergleichbar, das heisst: vordringen in noch nicht erschlossene Bereiche. Das war so, als er nach seinem Tubastudium Anfang der sechziger Jahre in Antwerpen die ersten Kontrabassstunden bei Barre Phillips nahm, oder später immer weiter in den geografischen Osten vordrang, stets von der Neugier getrieben, andere Menschen, deren soziale, politische und kulturellen Umfelder, und damit deren Lebensentwürfe zu ergründen. Bei seinen Touren nach Ostdeutschland entdeckte er gewisse gesellschaftliche Aspekte, die ihm in der damaligen DDR lebenswert schienen. Darüberhinaus machte er uns auf die kreative Verwendung von Blecheimern, Holzspielzeug und Wattejacken aufmerksam. Wir waren verwirrt, wir, die wir im Osten neidvoll auf die farbig bunte Welt im Westen schauten. Und mir hat er die Welt dann auch stückweise gezeigt. Mit einem falschen Pass wurde ich für Konzerte nach Italien geschmuggelt, ein anderes Mal unter dem Kontrabass versteckt in die Schweiz «eingeführt», mit dem Decknamen «Karl Winter» durfte ich in einer deutsch-deutschen Gruppierung in Polen auftreten, und schliesslich konnte ich ihm und unserem damaligen Trompeter Leo Smith nach Griechenland folgen, weil er im Flugzeug zufällig neben dem griechischen Botschafter zu sitzen kam, dem er in fliessendem Griechisch meine Visanot in Ostberlin klarmachen konnte. Für unsere gemeinsamen Konzerte in der ehemaligen DDR hatten wir inzwischen einen Weg gefunden, der verbotenen direkten deutsch-deutschen Begegnung aus dem Weg zu gehen: Wir luden einen Gastmusiker ein, der nicht aus Deutschland stammte.

Kowald hat die Musik gelebt! Sein Wirken und sein Einfluss sind nachhaltig geblieben. Das Ende eines Konzertes war immer wieder der Anfang einer Kommunikationskette, in der die Fragen im Mittelpunkt standen. Sein Bassspiel und seine Person waren oft Provokation und Indikation in einem. Er war ein Meister der Vielseitigkeit ­ auf dem Kontrabass allemal, und Bewunderer und Nutzniesser seiner Sprachbegabung war ich auch. Sechs Wochen vor unserer Japanreise im Jahr 1981 begann er auf der Volkshochschule in Wuppertal einen Japanischkurs zu belegen. Bei der Ankunft in Tokio fragte er auf dem Flugplatz einen bediensteten Japaner nach dem Weg und bekam promt eine uns nützliche Antwort. Am Ende dieser Tour folgte ein monatelanger Japanaufenthalt in einem Kloster in Kyoto.

Zehn Jahre nach den Konzerten mit Leo Smith - Peter Kowald - Günter Sommer fand sich ein neues Trio mit Conny Bauer zusammen. Dieser hatte ein Angebot erhalten, am Festival in Victoriaville/Canada zu spielen. Mit dem Erscheinen einer Live-CD von diesem Auftritt stand fest, dieses Trio fortzuführen. Das schon erprobte Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug wurde nun zur «Hängematte» für Conrad Bauers grosse Spielbogen geflochten. Vier umfassende Triokomplexe, welche mit jeweils einem für sich stehenden Soloteil durchbrochen wurden, bildeten das Livekonzept. Im Solo verliess jeder Musiker den Gruppenkontext und bewies sich als eigenverantwortlicher Spieler. Im Zusammenspiel verwandelte sich Heterogenität in Homogenität; jeder wurde zum Begleiter des anderen. Dieses Konzept war für uns tragfähig und fand Anerkennung bei unseren Konzerten sowohl in Europa, wie in den USA bei unseren Konzerten beim «Black Art Festival» in Atlanta City oder beim «Vision Festival» in NY City.

Zehn Jahre nach unserer ersten CD in Canada hatten wir nun im Dezember 2001 das grosse Glück, unter besten Studiobedingungen in Zürich die vorliegende Produktion einzuspielen. Kowald kam aus New York mit Zwischenstop in Paris herbeigeeilt, Conny Bauer und ich waren vor Ort. Ursprünglich galt dieser Studiotermin einer Produktion mit Gianluigi Trovesi und mir. Dieser war aber durch andere Bindungen unabkömmlich. Somit war für unser Trio genügend Platz und Zeit «between heaven and earth», die Spielerfahrung der letzten Jahre aus ihrer Ad-hoc-Inspiration der live-Konzerte in eine determinierte Struktur zu setzen. Die Erarbeitung erfolgte nach dem Prinzip der Miniaturen: ein inhaltlicher Gedanke wurde mit der Entscheidung für ein ganz bestimmtes Material gepaart. Bei dieser Kombination blieben wir dann in grösstmöglicher Strenge. Jeder Spieler konnte hierbei einen bestimmten Aspekt seiner ganz persönlichen musikalischen Erfahrung einbringen. Einzig die letzten drei Stücke der CD folgten einem gemeinsamen Drive im Gestus einer offenen Jazzspielweise. In Gesprächen drängte Peter Kowald bei all seiner Weltumtriebigkeit immer auf rasche Fertigstellung dieser CD. Die Gestaltung von Booklet und Coverart war ihm wichtig. Ich bin davon überzeugt, die vorliegende Veröffentlichung mit dem Titelbild von unserem gemeinsamen Freund, dem Maler Strawalde, ist in seinem Sinne.

Der frühe Tod von Peter Kowald setzt auch unserer Trioarbeit ein abruptes Ende. Über den Tod hinaus gibt es es nur noch Erinnerung ­ und Folgewirkung bei den Freunden und Angehörigen. Das Leben zuvor ist dabei wie der Gang einer aufgezogenen Uhr, deren endlicher Stillstand selbstverständlich ist (Zitat C. G. Jung). Eine Folgewirkung für mich persönlich war auch die Frage, wie wir in diesem Trio mit der Lücke, die uns der Tod von Peter Kowald hinterlässt, umgehen? Ich musste angesichts anstehender Konzertdaten schnell entscheiden, ob das Trio Kowald-Bauer-Sommer als Duo spielt und damit die Lücke auch sichtbar auf der Bühne bleibt, ob die Konzerte abgesagt werden, oder ob nach einem Ersatz gesucht wird. Könnte ich meinen Freund Kowald fragen, würde er mir pragmatisch sagen: «Frag doch mal meinen Lehrer, Freund und Spiritus Rector Barre Phillips». Das tat ich dann auch Š Barre sagte zu. Wie schön wäre es, wenn nun der Geist von Kowalds wunderbarer Musik in diesem neuen Trio weiterleben könnte.

Allein war Peter Kowald ­ wie wir alle wissen ­ nicht, um damit zum Ausgang meiner kleinen Hommage an Peter Kowald zurückzukommen. Wie einsam er aber war, können wir nur ahnen. Nehmen wir seine Rastlosigkeit hierfür als Zeichen. Dreissig Jahre war diese Freundschaft zu Peter Kowald eine Bereicherung für mich. Er hat mir nicht nur weite Teile der Welt gezeigt, durch ihn habe ich begriffen: Was uns letztlich in Bewegung hält, ist die Fähigkeit, etwas mit Lust und Liebe zu tun, etwas zu lieben !

Günter Sommer, Dezember 2002

 

 

How often do we find out in our lives that we have «no time, no time, no time!» At the end of September, on my way to the funeral of Peter Kowald in the train from Dresden, via Berlin, to Wuppertal ­ a few Elbe bridges had been destroyed by the recent floods in Germany ­ I suddenly had time! And I am happy that I did not spend this time with my hand on the driving wheel. It was a gift of time in which I was gratefully very close in thought to our friend Peter Kowald.

«Loneliness is the lot of all outstanding spirits,» wrote Arthur Schopenhauer. Now we all know that Peter Kowald was everything but alone. He lived his vision of a «Global Village» like no other one of us. We musicians know it: whether in the Australian bush, in Scandinavia, Japan, in the remotest mountain villages in the Abruzzi, in the innermost parts of the Peleponesia or on the American continent ­ everywhere we found someone who knew Peter Kowald or who would have called him his friend. As a kind of branch office in the former GDR, I myself belonged to his worldwide network. Already in 1973 he visited me with his children Maruta and Sytske and his wife at the time, Dani, in my place of residence, Meissen. Ahead of the visit, however, were the nighttime meetings in East Berlin on the occasion of the «Total Music Meeting» or the «Free Music Workshop,» which were put on by FMP in West Berlin. A handful musicians, to which I also belonged, played in the East Berlin Nightclub «Grosse Melodie» near the Friedrichstrasse. Jost Gebers from FMP came to East Berlin with musicians such as Alexander von Schlippenbach, Peter Kowald, Paul Lovens, Irène Schweizer, Peter Brötzmann, Paul Rutherford, Evan Parker and many others to jam with us. These musicians brought with them a completely new understanding of sound, liberated from American role models. From these meetings, which were a one-way street for a long time, personal friendships developed ­ as did mine to Peter Kowald.

His intentions were always like those of a researcher, which means penetrating into areas we have not yet tapped. That was, for example, when he took his first contrabass lessons with Barre Phillips after studying the tuba at the beginning of the sixties, or later when he penetrated further and further into the geographical east, always driven by curiosity to fathom out other people, their social, political and cultural surrounding and therefore their ways of life. During his tours through East Germany, he discovered certain social aspects in the former GDR that appeared worth living to him. Moreover, he made us aware of the creative use of tin cans, wood toys and cotton-wool jackets. We were confused, we in the east, who enviously looked at the colorful world in the west. And he showed me this world piece by piece. With a forged passport I was smuggled to concerts in Italy, another time I was «imported» into Switzerland hidden under the contrabass, and with the pseudonym «Karl Winter» I was allowed to perform in a German-German group in Poland, and in the end I and our trumpeter Leo Smith were able to follow him to Greece, since he happened to be seated next to the Greek ambassador in a plane, to whom he was able to make my visa problems in East Berlin clear in fluent Greek. For our concerts in the former GDR we had found a way to get around the banned direct German-German encounters: we invited a guest musician who did not come from Germany.

Peter Kowald lived music! His work and his influence have made themselves felt for a long time. The end of a concert was always the beginning of a communication chain, in which questions were the focus of attention. His bass playing and his person were often provocation and indication in one. He was a master of variety ­ on the contrabass of course, and I was also an admirer and beneficiary of his language talent. Six weeks before our tour of Japan in 1981 he began to take evening courses in Japanese in Wuppertal. When we arrived in Tokyo, he asked a Japanese employee at the airport the way and promptly got a useful answer. At the end of this tour followed a month-long stay in Japan in a cloister in Kyoto.

Ten years after the concerts with Leo Smith-Peter Kowald-Günter Sommer a new trio formed with Conny Bauer. He had received an offer to play at the festival in Victoriaville, Canada. When the live CD from the festival appeared, we were certain that we wanted to continue working together. The playing together, already put to the test, of bass and drums became woven into a «hammock» for Conrad Bauer's large playing arcs. Four extensive trio complexes, each of which was broken up by an individual solo part, formed the live performance plan. In solo each musician left the group context and proved himself as an independent player. Together, heterogeneity transformed into homogeneity; each became an accompanist of the other. This plan was sound for us and found acceptance at our concerts in Europe as well as in the USA at our concerts at the «Black Art Festival» in Atlanta City or at the «Vision Festival» in NYC.

Ten years after our first CD in Canada we were lucky enough in December 2001 to record in Zürich the present production under the best studio conditions. Kowald rushed in from New York via Paris, Conny and I were on location. Originally this studio date was planned for a production with Gianluigi Trovesi and I. He was, however, busy due to other commitments. Thus there was enough place and time for our trio «between heaven and earth» to set the experiences we had playing in the last years from the ad hoc inspiration from live concerts into a determined structure. Our working method followed the principle of miniatures: a content-oriented thought was paired with a decision for a specific kind of material. With this combination, we remained within the greatest possible rigor. In this connection, each player could introduce a particular aspect of his entirely personal musical experience. Only the last three pieces of the CD followed a common drive in the gesture of open jazz performing. In conversations, Peter Kowald repeatedly pushed for a quick release of the CD despite his worldly restlessness. The design of the cover and booklet were important to him. I am convinced that CD you have in your hands with the cover painting by our friend, the painter Strawalde, is just as he would have done.

The early death of Peter Kowald abruptly ended our trio work. Beyond his death, there is now only memories ­ and the impact of his death on friends and family members. Life before is like a wound clock whose final standstill is perfectly natural (Citation from C.G. Jung). An consequence to me personally was, for example, the question ­ how do we deal with the gap his death leaves us? I had to think quickly considering the approaching concerts if the trio Kowald- Bauer-Sommer should play as a duo and leave the gap visible on the stage, if the concerts should be cancelled or if a replacement should be found. Were I able to ask my friend Kowald, he would say to me, pragmatically, «why donıt you ask my teacher, friend and Spiritus Rector Barre Phillips?» Thatıs what I did ... and Barre agreed. How beautiful it would be if the spirit of Kowaldıs wonderful music could continue to live in this new trio.

Peter Kowald was not alone ­ as we all know ­ in order to return to an end to my small homage on Peter Kowald. How lonely he, however, really was we can only suspect. We can take his restlessness as a sign. For thirty years, this friendship to Peter Kowald enriched my life. He did not only show me vast parts of the world, but through him I understood what keeps us moving, in the end, is the ability to do something with desire and love, to love something!

Günter Sommer, December 2002
Translation: Bruce Carnevale