INTAKT RECORDS – LABEL PORTRAIT

Eine ganz besondere Nachtblüte

Das unabhängige Schweizer CD-Label Intakt Records von Patrik Landolt

Seit 1986 betreibt der Ostschweizer Patrik Landolt eine eigene CD-Firma. Ein einzigartiges Beispiel für ein unabhängiges Unternehmen, das Schweizer Jazzgrössen seit den 80er-Jahren kontinuierlich begleitet.

Von BETTINA SPOERRI

Beharrlich und ohne viel Aufsehen, aber auf hohem qualitativem Niveau leistet die Schweizer Plattenfirma Intakt Records unerlässliche, bitter notwendige Basisarbeit. Bereits seit 17 Jahren bemüht sich Patrik Landolt (gemeinsam mit Geschäftsführerin Rosmarie Meier und einer Gruppe von assoziierten Konzertveranstaltern wie Fredi Bosshart) um zeitgenössischen, experimentellen Jazz in der Schweiz, indem er Festivals mitorganisiert, Konzerte veranstaltet, CDs produziert und, fast wie nebenbei, Musiker zusammenbringt.

Ohne Intakt Records gäbe es wahrscheinlich keine angemessene, kontinuierliche Begleitung der Schweizer Freejazz-Szene von den 80er-Jahren bis heute mit Namen wie Irène Schweizer, Co Streiff, Pierre Favre, Omri Ziegele, Hans Koch, Martin Schütz und Fredy Studer, Sylvie Courvoisier, Werner Lüdi, Urs Voerkel oder Lucas Niggli.

Internationale Ausstrahlung

Doch Intakt Records hat nie ein reines Schweizer Biotop gepflegt; auch ausländische Musikerinnen und Musiker, die in der Schweiz leben, wie z.B. Burhan Öçal oder Saadet Türköz, figurieren im Label-Katalog. Und schon lange ist Intakt Records international nicht nur in Kennerkreisen ein Begriff, denn das Label produziert auch CDs verschiedenster international besetzter Formationen mit Musikern wie David Moss, Evan Parker, Elliot Sharp, Cecil Taylor, Anthony Braxton, Lindsay Cooper oder Barry Guy. Unter Jazzmusikern ist Intakt Records zu einem der begehrtesten Labels geworden, weil es angesehen ist, qualitativ einen hohen Standard bietet und internationale Ausstrahlung besitzt.

Trotz der bekannten Namen und dem Image-Erfolg grenzt es an ein Wunder, dass sich Intakt Records auf dem schwierigen, dynamischen Musikmarkt mit den gefrässigen Plattenmultis und seinen schnellen Umwälzungen und Fusionen schon fast zwei Jahrzehnte halten konnte.

Zeitgenössische, experimentierfreudige Jazzmusik ist ein Nischenprodukt - doch kein lukratives. Patrik Landolt und Rosmarie Meier konnten die kleine CD-Firma bis heute nur über Wasser halten, weil sie Selbstausbeutung betrieben - Mäzenatenarbeit und stille Förderung der kreativen Musik, ein Engagement, wie es heute nur noch selten anzutreffen ist. Und weil sie seit mehreren Jahren eine kleine Anzahl von treuen Abonnenten haben.

Die Plattenfirma ist eigentlich nur ein Mosaikstein im Engagement Patrik Landolts für zeitgenössische Jazzmusik, zu der er, wie er sagt, erst «auf verschlungenen Wegen» gekommen sei. Zwar hat der gebürtige Flawiler schon in jungen Jahren selbst Musik gemacht. Er spielte Schlagzeug und nahm sogar bei einem Tambourchampion von Rorschach Trommelunterricht. Später nahm er Klavierunterricht bei Laura Gallati, während sein älterer Bruder Albert die Jazzschule St. Gallen gründete.

Doch so richtig fing alles mit Konzerten in Thalwil an, als Patrik Landolt, damals 22 Jahre alt, während seines Philosophie-Studiums in Zürich wohnte. Hierher holte er u. a. Fred Frith - bereits 1978, als der heute als Kultmusiker gehandelte Klangexperimentierer in der Schweiz noch kaum bekannt war. Ebenso Dollar Brand (alias Abdullah Ibrahim) oder das Vienna Art Orchestra. In den 80er-Jahren begann Patrik Landolt als Redaktor bei der «Wochen-Zeitung» zu arbeiten und organisierte in seiner freien Zeit mit u.a. Irène Schweizer und Remo Rau Konzerte in der Roten Fabrik Zürich. Diese Jazz-Konzertreihe kulminierte 1984 im ersten «Taktlos»-Festival mit zeitgenössischer Jazzmusik in Zürich und Bern. Ein Festival, das später auch einen Partner in Basel fand.

Seriös und zuverlässig

Und dann entstand, «als kleine Nachtblüte», so Patrik Landolt, in Pionierarbeit das Independent-Label Intakt Records. Mitte der 80er-Jahre gab es beispielsweise von Irène Schweizer nur auf dem deutschen Plattenlabel Free Music Production FMP Aufnahmen - «in guter Qualität», sagt Landolt, «aber Schweizer erhielt so zu wenig Anerkennung und Aufmerksamkeit». Er empfand grossen Nachholbedarf und schickte deshalb Kassetten mit seinen eigenen Aufnahmen der neuesten Konzerte an andere Labels. Doch er erhielt keine Antwort. Und statt aufzugeben, gab er 1986 mit seinem damaligen Partner David Waldner (recrec) ein Konzert von Irène Schweizer auf Vinyl heraus.

Das war die erste von zehn Vinyl-Platten, die unter dem Namen «Intakt Records» erschienen. «Zeitgenössischer, improvisierter Jazz darf, ja muss aus dem Takt geraten und den Rahmen sprengen, doch für ein Label hätte der Name đtaktlos­ nicht gepasst. Eine Plattenfirma muss đintakt­ sein, seriös und zuverlässig, was die Rechte und die Zusammenarbeit anbelangt», erklärt Landolt die Mutation des Festivaltitels in den Labelnamen. Das Konzept von Intakt Records: Neue Musik zwischen Jazz-Improvisation und -Komposition bekannter zu machen und zu fördern. Denn diese Musikszene leidet chronisch an schwachen Infrastrukturen und den spärlichen Auftrittsmöglichkeiten in (gerade in der Schweiz) immer seltener werdenden Jazz-Clubs. Mittlerweile hat Intakt Records auch die Aufnahmen von ersten Konzerten von Irène Schweizer, die erstmals 1977/78 bei FMP erschienen, neu herausgegeben.

Eine weitere Besonderheit des Labels Intakt Records sind die auffälligen Platten- und CD-Hüllen (von der elften Aufnahme an sind alle auf CD erschienen). Bekannte Künstlerinnen und Künstler unterstützten das Label, indem sie kostenlos ein Cover gestalteten - unter ihnen Max Bill, Fischli & Weiss, Gottfried Honegger und Pipilotti Rist. Die CD-Begleithefte werden von Fachleuten wie Richard Butz, Peter Rüedi, Bill Shoemaker oder Bert Noglik geschrieben, und auch die Schriftstellerin Ruth Schweikert und der Toggenburger Peter Weber sind unter den Schreibenden zu finden. Ebenso die Musiker David Moss oder Barry Guy - und Patrik Landolt selbst, der schon 1994 mit Ruedi Wyss ein Buch über «Musikerinnen und Musiker zwischen Jazz, Rock und Neuer Musik» (Die lachenden Aussenseiter. WoZ/Rotpunkt Verlag, Zürich) der letzten zwanzig Jahre herausgegeben hat. - Das Label Intakt Records ist ein Musterbeispiel für die Fruchtbarkeit unabhängigen kulturellen Schaffens.

St. Galler Tagblatt, 12. April, 2003

 

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